Für Audio Button klicken.

Annika legte ihr Handy aus der Hand. Sie zögerte einen Augenblick. Hatte sie allen Bescheid gesagt? Sollte sie nicht noch einmal ihre Mails checken? Sie gab sich einen Ruck und platzierte das ausgeschaltete Mobiltelefon auf den Glastisch in ihrem Büro, direkt neben ihrem Laptop. Sie seufzte, war das wirklich der richtige Entscheid? Ein Wochenende weg von ihrem Zuhause, ohne Telefon, ohne Laptop. Langsam drehte sie sich weg, schlüpfte in ihre Jacke – sie war nicht in Eile. Ihr Gepäck hatte sie bereits in ihren Kleinwagen befördert, das war gar nicht so einfach gewesen. Neben ihrem Zelt, warmer und wetterfester Kleidung für zwei Tage mussten auch noch Feuerholz, Essen, Wasser und ihr alter abgewetzter Schlafsack darin Platz finden. Ihr Auto hatte merklich geächzt unter dem Gewicht und doch hatte sie es geschafft, alles darin zu verstauen. Das Schweizer Wetter zeigte sich von seiner schönen Seite, als Annika ins Auto stieg. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, die Luft war schwül und drückend.

Sie startete den Motor und sehnte sich bereits nach der kühleren Waldluft. Während Annika sich in den regen Verkehr einordnete, hing sie ihren Gedanken nach. Bildschirmlose Zeit in der Natur, weit weg vom Alltagsstress und das ganz mit sich alleine. Ironischerweise wurde ihr Instagramfeed davon überschwemmt. Im Internet las man, was für eine entspannende und reinigende Wirkung eine solche kleine Auszeit in der Natur mit sich brachte. Annika entschied sich, diesem Trend eine Chance zu geben. Der Verkehr lichtete sich, nicht viele wollten in dieselbe Richtung wie sie. Je weiter sie sich von der Hauptstrasse entfernte, desto unruhiger fühlte sie sich. Ihre Pfadfinderzeiten lagen schon in weiter Ferne und obwohl sie zuvor ausgiebig im Internet recherchiert hatte, wo sie ihr Zelt aufschlagen konnte, war ihr mulmig zumute. Die Kiesstrasse endete just vor der Waldgrenze. Annika stellte ihr Auto auf einen der markierten Parkplätze und schaltete den Motor aus.

Als es ihr gelang, die Taschen und das Zelt gleichzeitig zu balancieren, stapfte sie wackeren Schrittes auf den Wald zu. Die Bäume brachten die erhoffte Abkühlung an diesem heissen Tag. Sie sog den erdigen Duft des Waldes ein und lauschte den Geräuschen, die sie wie tausend flüsternde Stimmen von allen Seiten her umgaben. Die Sonne hatte sich schon dem Horizont zugeneigt, als Annika ihren angestrebten Zeltplatz erreicht hatte. Sie machte sich sogleich an die Arbeit und baute erfolgreich, wenn auch etwas unbeholfen ihr Zelt auf. Lächelnd wischte sie sich mit einer Hand den Schweiss von der Stirn und bestaunte das vollbrachte Werk. Fein säuberlich platzierte sie ihren Schlafsack, Kleider und die kleine Taschenlampe, die sie Zuhause im Keller gefunden hatte. Mehr hatte sie nicht dabei, für mehr wäre auch kein Platz gewesen. Ihr Magen meldete sich mit einem tiefen Knurren, also widmete sie sich als Nächstes dem Lagerfeuer. Dabei stellte sie sich um einiges geschickter an als beim Aufstellen des Zeltes.

Nach einigen Minuten begann es zu knistern und das Feuer ersetzte nun die Wärme der untergegangenen Sonne. Genüsslich begann Annika ihre Bratwurst und das am Feuer gebratene Brot zu verspeisen. Dabei störten sie nicht einmal die verkohlten Stellen. Langsam glaubte sie zu verstehen, was der Sinn dieser Sache war. Nachdem sie aufgegessen und eine Zeit lang die Sterne beobachtet hatte, stellte sie beinahe erschrocken fest, dass es rein gar nichts mehr zu tun gab. Ihre Gedanken begannen zu kreisen, immer schneller und schneller. Zuerst dachte sie an ihren Job, an die Rechnungen, die Zuhause noch ungeöffnet auf dem Küchentisch lagen. Je mehr sie nachdachte, desto dunkler und unheimlicher kam ihr der Wald vor. Ihre Gedanken drehten sich weiter, unaufhaltsam. Annika legte Holz nach, denn das Feuer war schon beinahe eingegangen. Sie dachte an die Vergangenheit, ihre grosse Liebe, die sie verloren hatte, und sie dachte an die Zukunft, einsam und verloren. Ein altbekanntes Gefühl machte sich breit, schnürte ihr die Kehle zu und legte sich wie ein grosser, schwerer Stein in ihre Magengrube. Sie wischte sich eine Träne von der Wange und da wurde ihr klar, dass sie keineswegs alleine an diesem Lagerfeuer sass. Sie hatte versucht, ihrem Alltag zu entfliehen, nur für ein Wochenende, doch sie hatte sich selbst mitgebracht. Ihre verdrängten Sorgen und Ängste, sie alle schienen sich mit ihr um das Lagerfeuer zu versammeln. Sie konnte sie nicht ablegen, nicht vor ihnen davonlaufen. Sie trug sie immer bei sich und dabei wogen sie noch schwerer als all das Zeug, dass sie mit in den Wald geschleppt hatte. Sie gehörten zu ihr.

Einzig das tiefe, bedrohliche Grollen, das der Himmel von sich gab, riss Annika aus ihren Gedanken. Sie blickte nach oben und durch die dichten Baumkronen fielen dicke Tropfen. Ein Sommergewitter, dachte sie. Sie roch den Regen und fühlte ihn auf ihrer Haut. Sie war schon klatschnass, als sie in ihr Zelt kroch. Annika streifte ihre nassen Kleider ab und warf sie achtlos in eine Ecke. Sie schlüpfte in ihren Schlafsack und lauschte dem beruhigenden Geräusch vom Regen, der auf die Zeltplane plätscherte. Das Gewitter hatte die Glut ihres Feuers bereits erstickt und um sie herum gab es nur noch Dunkelheit. Und doch fühlte Annika sich weder alleine noch unwohl, denn sie hatte sich. Zum Geräusch des Regens schlief sie ein und sie hatte wohl seit Jahren nicht mehr so gut geschlafen.

In ihrer Wohnung angekommen, hatte Annika dringend eine Dusche nötig und doch zog es sie wie magisch zu ihrem Glastisch ins Büro. Noch bevor sie ihre Schuhe auszog, ihre Hände wusch und die nassen Kleider aufhängte, schaltete sie ihr Handy an. Die Nachrichten und Mails poppten bereits auf ihrem Startbildschirm auf, doch Annika schenkte ihnen keine Beachtung. Sie scrollte durch ihren vollen Kalender, suchend nach einem freien Wochenende. Sie tippte ein zweitägiges Ereignis ein – Auszeit. Danach legte sie ihr Handy ohne zu zögern wieder auf den Tisch und machte sich daran, sich und ihre Kleider zu waschen. In ihren Gedanken war sie schon bei der nächsten Auszeit.